[zuletzt aktualisiert am 14. Juni 2010]
Von Lichterketten
und anderen Aufständen
Nach
Zusammenschluss der BRD und DDR
sowie zahlreicher rassistischer Gewaltübergriffe
auf Migrant_innen in den Jahren
nach 1989 entstanden innerhalb der radikalen
Linken Debatten über die Gefahr eines „Vierten
Deutschen Reichs“. Mittlerweile stehen solche Prognosen
nicht mehr zur Diskussion. Deutschland hat sich „modernisiert“.
Von den Lichterketten 1993, dem Regierungswechsel zum
unschuldigen Rot-Grün 1998 über den Antifa-Sommer 2001 bis
heute entwickelte sich Deutschland zu einer Nation, die sich nicht
mehr in Kontinuität ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit,
sondern vielmehr in Abgrenzung zu ihr begreift. Die Vergangenheit
sei erfolgreich „aufgearbeitet“ und Deutschland präsentiert sich
selbstbewusst als „ganz normale“ Nation. Ist nun der Zeitpunkt
gekommen,
die antideutsche Position in eine antinationale zu transformieren?
Die Veranstaltungsreihe wendet sich gegen eine solche Schlussfolgerung
und will aufzeigen, dass auch die Modernisierung nationalstaatlicher
Legitimationsargumente vor dem Hintergrund der
deutschen Geschichte stattfindet. Durch eine Analyse der Verfasstheit
des neuen deutschen Nationalismus in unterschiedlichen
gesellschaftlichen Bereichen sollen seine Spezifik, die Rolle von
Rassismus, Geschlecht und Kapitalismus diskutiert und zeitgemäße
Positionen gegen Deutschland in einer postkolonialen und
postnazistischen Gesellschaft formuliert werden.
Zur aktuellen Debatte um die Ausrichtung antinationaler Kritik in
Deutschland:
Zusammenfassung von Bummelkreiselpilotin
Alle
Veranstaltungen dieser Reihe finden hier statt:
Tristeza
Cafe/Bar-Kollektiv, Pannierstr. 5, U Hermannplatz, Berlin-Neukölln.
Die ersten
drei Veranstaltungen werden
in Gebärdensprache gedolmetscht.
Bei
Benötigung
einer Gebärdendolmetscher_in für eine der
folgenden Veranstaltungen, bitte zwei
Wochen vorher Bescheid geben:
kultur (AT) tristeza.org oder am Tresen!
Organisiert von der Tristeza-VeranstaltungsAG
Im Rahmen
der Kampagne

|
Di, 30. März 2010
| 19:30 Uhr
Möhrchen
statt Deutschland!
Einführung
in historisch verorteten Antinationalismus
AK
Pink Rabbit der NFJ Berlin
Zum
„Super-Gedenkjahr“ 2009 anlässlich 60 Jahre BRD und 20
Jahre Mauerfall zog ein rosa Häschen aus, um gegen die deutsche
Selbstbeweihräucherung anzustinken. Es war dort zu sehen,
wo Deutschland versuchte, sich als Nation zu präsentieren
– Pink Rabbit kam unter anderem zur Premiere vom Stauffenberg-
Film Walküre, störte den Bund der Vertriebenen, verlieh der
taz das Ehrenkreuz in Plüsch und machte sich über die Inszenierung
der Varusschlacht lustig. Die Kampagne der Naturfreundejugend
Berlin sorgte also für allerlei Aufregung. Ganz nebenbei
entstand auch eine Broschüre, die die antinationale Position des
Pink Rabbit zusammenfasst. Sie grenzt sich dabei gegen einen
einseitigen, ahistorischen, auf Kapitalismuskritik verengten
Antinationalismus
ab: Das Pink Rabbit begreift Nation als herrschaftliches
Konstrukt, das historisch mit der Entstehung des Kapitalismus
und der kolonialen Weltordnung zusammenhängt, eine
Abgrenzung nach außen und eine Homogenisierung nach innen
herstellt und sich aktuell in konkreten Praxen wie bspw. den nationalen
Wendefeierlichkeiten zu legitimieren versucht. Dabei
sind moderner Antisemitismus, Rassismus und Geschlechterverhältnisse
weitere zentrale Topoi für die Kritik des Hasen.
Die Veranstaltung wird die Inhalte der Broschüre vorstellen und
einen ersten Einblick in einen historisch situierten Antinationalismus
a lá Pink Rabbit geben.
Die Audioaufnahmen der Veranstaltung:
Input (11.8 MB, 56 Minuten)
Diskussion (12.2 MB, 58 Minuten)
|
[ aktualisiert am 07/04/2010 ]
Di, 13. April 2010
| 19:30 Uhr
Irrsinn
der Normalität
Nation, "deutsche" Geschlechter
und Sport
Projektgruppe
Nationalismuskritik (FF/M)
Vier
Jahre ist es nunmehr her,dass die euphorisierte deutsche Nation
fahnenschwenkend und mit allerlei schwarz-rot-goldenen Accessoires
ausgestattet in die Fußballstadien und auf die öffentliche Plätze
stürmte, um ihre Elf Weltmeister werden zu sehen. Was sie in den
Stadien und auf den Plätzen fand, war nicht der Titel, sondern sie fand
sich selbst.
Das Bekenntnis zur Nation ist damals zur Normalität geworden – und
damit auch ein mehr oder weniger neuer deutscher Nationalismus. Die WM
stellt nicht zuletzt den Kulminationspunkt eines langen Prozesses der
Umwidmung der Bonner zur Berliner Republik dar.
Anschließend wurde u.a. festgestellt, dass sich viel mehr Frauen für
die WM interessiert und als Fans teilgenommen haben als es im normalen
Fußball-Alltag üblich ist. Die Eintrittskarte war das Bekenntnis zur
Nation.
So
lässt sich an dieser Stelle fragen wie das Verhältnis von Nation und
Geschlecht zu fassen ist?
Welche zentralen Leitbilder der „deutschen Geschlechter“ haben sich zum
Zeitpunkt der Nationenbildung entwickelt? Was hat sich daran verändert?
Und welche Rolle spielt dabei der Sport/Fußball?
Diesen Fragen gehen die Berliner Autorin Felicita Reuschling
(„Deutsche Geschlechter“) und Benjamin Fuchs von der Frankfurter
„Projektgruppe Nationalismuskritik“, die das Buch „Irrsinn der
Normalität. Aspekte der Reartikulation des deutschen Nationalismus“
herausgegeben hat,nach.
Des weiteren erzählt Gerd Dembowski (Berlin) satirische Anekdoten zur
EM 2008.
Die Audioaufnahmen der Veranstaltung:
Input (16.2 MB, 1h 16 Minuten)
Diskussion (14.1 MB, 1h 7 Minuten)
|
Di, 27. April 2010
| 19:30 Uhr
Zurück aus
der Zukunft
Analyse
(zivil-)gesellschaftlicher Mobilisierung
Initiative
gegen jeden Extremismusbegriff (INEX) Leipzig
Bei
der Analyse aktueller gesellschaftlicher Mobilisierung in
Deutschland herrscht innerhalb der Linken Uneinigkeit. Während
die einen von der Dominanz eines zivilgesellschaftlichen Diskurses
ausgehen, beschreiben andere die postnazistischen Realitäten mit
dem Terminus der »Volksgemeinschaft«. Dies vernachlässigt jedoch
das wohl wesentlichste Element der nationalsozialistischen
„Volksgemeinschaft“, die korporatistische Aussöhnung von
gesellschaftlichen
Konflikten. Der deutsche Nationalismus ist zwar
immer auf den Gemeinschaftskörper fixiert, die Verwendung des
Begriffs „Volksgemeinschaft“ erscheint jedoch erst dann adäquat,
wenn sich diese tatsächlich etabliert hat. Unter Rot-Grün gelang
es, einen modernisierten Nationalismus anzubieten, alte auf Volk
und Abstammung basierende Variablen wurden von Integrationsversprechen
abgelöst, die das individuelle bürgergesellschaftliche
Engagement betonen. Letztlich bedarf es jedoch immer wieder
eines institutionellen und ideologischen Anstoßes durch die Regierung
und zivilgesellschaftliche Akteure werden nicht die Hand beißen,
die sie füttert. Noch heute gibt es viele Linke, die sich von der
Zivilgesellschaft eine Menge erhoffen. Die Frage ist, ob
zivilgesellschaftliche
Befriedung nicht sozialen Konflikten und Aufklärungsprozessen
zuwiderläuft. Sie muss zudem im Kontext kapitalistischer
Verwertungslogik betrachtet werden, die einer propagierten Autonomie
entgegensteht. Insofern stellt sich die Frage, ob sich hinter
dem modernisierten Nationalismus nicht nur ein Mittel zur Durchsetzung
von Herrschaft verbirgt und inwiefern sich so überhaupt
Raum für emanzipatorische Gesellschaftskritik etablieren lässt.
Die Audioaufnahmen der Veranstaltung:
Input (16.2 MB, 1h 3 Minuten)
Diskussion (16.2 MB, 1h 4 Minuten)
|
Di, 11. Mai 2010
| 19:30 Uhr
Rassistische
Zustände
Postkoloniale Kontinuitäten
in Deutschland
Maria
do Mar Castro Varela (angefragt)
DIE VERANSTALTUNG MUSS LEIDER ENTFALLEN!!!
Prägend
für die Herausbildung des deutschen Nationalismus
waren koloniale Muster, die über die Konstruktion „des Anderen“
ein konstitutives Außen boten. Die angeblich nur kurzweilige
- immerhin jedoch über dreißig Jahre andauernde - und in
ihren geographischen Ausmaßen vergleichsweise wenig bedeutende
koloniale Expansion Deutschlands verleitet zu der Annahme,
dass deutscher Kolonialismus und seine Folgen für eine
Kritik an deutschem Nationalismus zu vernachlässigen seien.
Doch der in Deutschland weitgehend normalisierte Rassismus
verdeutlicht, wie sich über eine Kulturalisierung „der Anderen“
koloniale Muster tradieren. Das „Wir“ der deutschen Nation
wird als aufgeklärt und demokratisch dargestellt, während dagegen
„die Anderen“ - repräsentiert durch türkische und/oder
muslimische Migrant_innen - als vormodern, unaufgeklärt und
undemokratisch stigmatisiert werden. Hier produziert sich die
deutsche Nation in ihrem postkolonialem Gewand. Ausgehend
von den Nachwirkungen der historischen Erfahrungen, stellt sich
die Frage, welche Rolle dem postkolonialen Gedächtnis in einer
postnationalsozialistischen Gesellschaft bei einer Kritik am deutschen
Nationalismus zukommen muss.
Bei Benötigung einer Gebärdendolmetscher_in für eine der folgenden Veranstaltungen, bitte zwei Wochen vorher Bescheid geben!
|
Di, 25. Mai 2010
| 19:30 Uhr
Deutsche
in friedlichen Zeiten
Die Anatomie neudeutscher
Normalität
Café
Morgenland (FF/M)
Die
Ansammlungen der Deutschen werden zunehmend revolutionär:
antikapitalistischer, antifaschistischer, aufrührerischer.
Auch der Umgang mit den Anderen scheint „zivile“ - sagen
wir - normale Züge anzunehmen. Das Verbrennen von
Flüchtlingsunterkünften,
türkischen Familien und Vergleichbarem, soll
Gerüchten zufolge, inzwischen endgültig passé sein. Also doch
Deutschland normal? Ist es nicht so, dass es zwar normal hässlich,
aber gerade darin „wie die anderen Nationen“ auch ist,
dass es endlich in die gleiche Kerbe - wie die anderen Europäer
- haut? Und dank der - trotz saisonbedingter Schwankungen
- stabil bleibenden Ergiebigkeit (jährlich über 20.000) - rassistischen
und antisemitischen Angriffe, blüht das Antirassismus-
Geschäft nach wie vor.
Das traditionsverbundene deutsche Expertentum erschließt
neue Gebiete und neue Marktsegmente, noch attraktivere,
noch förderungsfähigere. Jedem seinen „Kanaken“, jeder seine
Minderheit. Ein Entrinnen daraus wird zunehmend schwieriger.
Um die Anatomie dieser neudeutschen Normalität handelt
sich dieser Beitrag.
Bei Benötigung einer Gebärdendolmetscher_in für eine der folgenden Veranstaltungen, bitte zwei Wochen vorher Bescheid geben!
|
Di, 08. Juni 2010
| 19:30 Uhr
Totalitarismus reloaded?
Neue deutsche
Gedenk(stätten)politik
Lagergemeinschaft
Ravensbrück/Freundeskreis,
Ini für einen
Gedenkort ehemaliges KZ Uckermark,
AG Neuengamme
Die
staatliche Gedenkpolitik machte 1989/90 und 1998/99 zwei
entscheidende Entwicklungsschritte. Mit den historischen Umbrüchen
1989/90 erlebte der Totalitarismusansatz eine Renaissance.
Nach der als erfolgreich deklarierten „Aufarbeitung“
des Nationalsozialismus liegt der Fokus seitdem auf einer „Aufarbeitung
des SED-Unrechts“. So existiert kein Äquivalent zur
„Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur“ mit den entsprechenden
Förderungen für die Forschung oder die Arbeit von
Opferverbänden.
NS-Forschung und die Intensivierung von KZ-Gedenkstättenarbeit
werden nur noch als Nebeneffekt mitgefördert. Während
die KZ-Gedenkstätten im Osten zu Orten „zweifacher
Erinnerung“ umstrukturiert und um Ausstellungen über die Geschichte
sowjetischer Speziallager erweitert wurden, erfüllen
Gedenkstätten in Westdeutschland eine andere Funktion. Das
zeigt der Konflikt um die KZ-Gedenkstätte Neuengamme 2008
beispielhaft.
Trotz des Einspruchs mehrerer Überlebendenverbände hielt
die Gedenkstättenleitung fast ein Jahr an dem Vorhaben fest,
einen Bundeswehrsoldaten als Gedenkstättenpädagogen einzusetzen.
KZ-Gedenkstätten sind besondere Lernorte für die
Bundeswehr seit Joseph Fischer 1999 die Beteiligung am Krieg
gegen Jugoslawien mit „Auschwitz“ begründet hatte.
Die Audioaufnahmen der Veranstaltung:
Input (27 MB, 1h 09 Minuten)
Diskussion (35 MB, 55 Minuten)
|
Di, 22. Juni 2010
| 19:30 Uhr
Standort, Standort, Standort
Antinationalismus &
Kapitalismuskritik
Jimmy
Boyle Berlin
Der
heutige Kapitalismus ist global. Dass Unternehmen immer
mehr über nationale Grenzen hinweg agieren, lässt einige zu der
These verleiten, dass die Nationalstaaten immer weniger eine
Rolle im globalen Weltmarkt spielen und somit auch Nationalismus
eine überholte Ideologie sei. Dabei wird übersehen, dass
Nationalstaaten aber die Instanz sind, die die Ausgangsbedingungen
für die kapitalistische Ordnung herstellen: Sie garantieren
Privateigentum, legen Minimalbedingungen zum Überleben
der Arbeiter_innen fest und kümmern sich um nicht profitable
Infrastruktur. Auf die eine oder andere Weise ringen sie also
untereinander
um die günstigsten Standortbedingungen für das Kapital,
um möglichst viel vom weltweiten Reichtum abzusahnen.
In Deutschland regt sich dagegen manchmal Widerstand: Mal
rufen die Gewerkschaften zu einem kleinen Streik aus, mal demonstrieren
Menschen jeden Montag gegen Hartz IV. Den meisten
Protestler_innen in Deutschland ist dabei eines gemein: Sie
haben nicht etwa Emanzipation, sondern das nationale Gemeinwohl
im Sinn. Deutsche Gewerkschaften kämpfen für deutsche
Standorte, HartzIV-Protestler_innen wünschen sich unter „Wir
sind das Volk“-Rufen ganz romantisch den guten alten Sozialstaat
zurück. Gleichzeitig stimmen alle gemeinsam mit der Regierung
darin überein, dass „alle den Gürtel enger schnallen müssen“ -
für Deutschland.
Wie sieht eine deutschlandspezifische Kritik an Nation aus, die
insbesondere einer kapitalismuskritischen Perspektive Rechnung
trägt?
Bei Benötigung einer Gebärdendolmetscher_in für eine der folgenden Veranstaltungen, bitte zwei Wochen vorher Bescheid geben!
|
Archiv
Hier findet Ihr die Audio-Aufnahmen der letzten Veranstaltungen:
25. Mai 2010: Deutsche in friedlichen Zeiten Die Anatomie neudeutscher Normalität. Café
Morgenland (FF/M)
Input (12.4 MB, 59 Minuten)
Diskussion (12.1 MB, 58 Minuten)
27. April 2010: Zurück in die Zukunft (Zivil-)gesellschaftliche Mobilisierung in Deutschland. INEX Leipzig
Input (16.2 MB, 1h 3 Minuten)
Diskussion (16.2 MB, 1h 4 Minuten)
13. April 2010: Irrsinn der Normalität Nation, "deutsche" Geschlechter und Sport. Projektgruppe Nationalismuskritik (FF/M)
Input (16.2 MB, 1h 16 Minuten)
Diskussion (14.1 MB, 1h 7 Minuten)
30. März 2010: Möhrchen statt Deutschland! Einführung in historisch verorteten Antinationalismus. AK Pink Rabbit der NFJ Berlin.
Input (11.8 MB, 56 Minuten)
Diskussion (12.2 MB, 58 Minuten)
08. Juni 2010: Totalitarismus reloaded?! Neue deutsche Gedenk(stätten)politik. Lagergemeinschaft Ravensbrück/Freundeskreis, Initiative für einen Gedenkort ehemaliges KZ Uckermark und AG Neuengamme.
Input (27 MB, 1h 09 Minuten)
Diskussion (35 MB, 55 Minuten)
22. Juni 2010: Standort, Standort, Standort Antinationalismus & Kapitalismuskritik. Jimmy Boyle Berlin
Referat (135 KB, pdf)
|
|